Was bleibt von mir? Nachhaltigkeit in der Bestattung
Das Thema Nachhaltigkeit ist im Bestattungswesen genauso angekommen wie in den meisten anderen Branchen. Trotzdem ist allgemein wenig darüber bekannt. Dabei gibt es bei Bestattungen viele Punkte, die sich im Sinne der Nachhaltigkeit gestalten lassen. Da Bestattungen von langen Traditionen und alten Werten geprägt sind, die vertraut und sicher wirken, haben neue Wege es schwer, sich durchzusetzen. Innerhalb der Branche zumindest wird das Thema stark gefördert und alte Praxen immer wieder neu reflektiert. Was nachhaltige Bestattungen ausmacht und welche Praktiken es inzwischen gibt, erfahren Sie auf dieser Seite.
Für ausführliche Informationen lesen Sie unsere Broschüre zum Thema Nachhaltigkeit in der Bestattung:
Wie sich Nachhaltigkeit in Bestattung definiert
Es gibt für die konkrete Bedeutung von Nachhaltigkeit bei Bestattungen keinen klaren, verbindlichen Konsens und auch keine wissenschaftliche Einordnung, die belastbar wäre. Viele denken zuerst an praktische Umsetzungen: Sind die verwendeten Produkte (Sarg, Urne, Textilien) aus nachhaltigen Materialien und nachhaltiger Produktion? Können Transportwege (zum Krematorium, zum Friedhof) kurzgehalten werden, um Emissionen zu verringern? Ist die Grabstätte für Familie und Freunde ohne lange Fahrtwege zu erreichen? Es zählen aber auch Faktoren auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene dazu: Es braucht zum Beispiel geschultes, fair bezahltes Personal, um nachhaltige Praktiken umsetzen zu können.
Konkrete Umsetzung - welche Methoden sind nachhaltig?
Bestatterinnen und Bestatter informieren über nachhaltige Möglichkeiten und setzen diese individuell um. Aber auch die Personen, die eine Bestattung in Auftrag geben, also Angehörige einer verstorbenen Person oder im Fall von Bestattungsvorsorge die Person selbst, müssen letztlich diejenigen sein, die sich umweltschonende Optionen wünschen und die Bestattung dementsprechend gestalten.
Erd- oder Feuerbestattung, was ist umweltbewusster?
Grundsätzlich ist das eine nicht nachhaltiger als das andere. Bei der Feuerbestattung entstehen zwar Emissionen beim Fahrtweg zum Krematorium und bei der Einäscherung, allerdings sind die Emissionen der Verbrennung mit dem richtigen Sargmaterial nicht nennenswert. Außerdem gibt es bei Erdbestattungen genauso zu bedenkende Aspekte, zum Beispiel den maschinellen Aushub des Grabes. Deshalb wäre es zu einfach, die Erdbestattung als umweltfreundlicher zu betrachten. Es sind viele Details zu beachten, um die Nachhaltigkeit einzuschätzen.
Die Grüne Linie - das Netzwerk für umweltbewusste Bestatter
Die Grüne Linie ist ein Netzwerk von Bestatterinnen und Bestattern sowie Partnerbetrieben, die sich für nachhaltige Bestattung stark macht, und führende Initiative für nachhaltige Konzepte im Bestattungswesen. Sie wurde 2017 von Editha Kentrup-Bentzien und Werner Kentrup gegründet und versteht sich selbst als einen offenen Prozess, bei dem ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen der Bestattungspraxis in den Fokus genommen werden und immer wieder zur Selbstreflexion und Verbesserung anregt. Ihr Ziel ist es, Bestattungen so umweltverträglich wie möglich zu gestalten. Die Grüne Linie hat etwa 80 Mitglieder im deutschsprachigen Raum und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.
Relevante ökologische Faktoren für die Grüne Linie
Zu den für die Grüne Linie relevanten Faktoren für nachhaltige Bestattung gehören folgende:
- biologisch vollständig abbaubare Materialien
- der konsequente Verzicht auf Kunststoffe wie Polyesterkleidung oder Plastikfolien im Sarg
- ein möglichst geringer Schadstoffeintrag in Boden, Luft und Wasser
- kurze Transportwege
- transparente Lieferketten
- die Zusammenarbeit mit regionalen und deutschen Produzenten
Es geht um viele einzelne Bausteine, auch um Details wie etwa der Trauerdruck auf Naturpapier, regionalen und saisonalen Blumenschmuck, Grabsteine aus regionaler Produktion oder ressourcenschonende Grabbepflanzung. Das Zusammenspiel der Faktoren ist dabei wichtiger als ein einzelner Faktor an sich.
Persönliche Wünsche gehen vor Nachhaltigkeit
Für die Grüne Linie hat der persönliche Wunsch eines Menschen Vorrang. Wenn das beinhaltet, eine weniger nachhaltige Option zu wählen, ist das absolut legitim. Nachhaltigkeit soll kein Dogma werden, das den Leuten aufgezwungen wird. Es geht nicht um Verzicht, sondern um Verantwortungsbewusstsein. Der Raum für Menschlichkeit hat für die Grüne Linie Priorität.
Anforderungen an umweltfreundliche Bestattungsunternehmen
Die Grüne Linie versteht sich nicht als starres Regelwerk, sondern als Netzwerk. In diesem Netzwerk können Wissen und Erfahrungen kumuliert und geteilt werden. Darüber hinaus geht es nicht nur um die Einhaltung von Kriterien, sondern auch um die ständige Selbstreflexion und Weiterentwicklung der eigenen Praxen. Außerdem geht es um faire Arbeitsbedingungen und Löhne, respektvollen Kundenkontakt und das Bewusstsein der Rolle der Bestatterin oder des Bestatters.
Nachhaltigkeit in Krematorien
Die Feuerbestattung - ökologischer als gedacht
Der Anteil der Feuerbestattungen liegt in Deutschland bei rund 80 Prozent. Zunehmend werden deshalb Krematorien unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit betrachtet. Es geht bei der Feuerbestattung aber um mehr als nur die Einäscherung selbst. Relevant sind unter Anderem:
- ökologisch abbaubare Materialien
- regenerative Energien
- Schulungen der Mitarbeitenden
- Ausgleich, z.B. die Beteiligung an Aufforstungsprojekten
Aufgrund neuster hocheffizienter Technologien in Krematorien ist heute auch die Feuerbestattung kaum noch emissionsbelastet. Die Grenzwerte von Gütesiegeln liegen sogar unter dem gesetzlichen Emissionsgrenzwert. Außerdem ist das Gas des Ofens nur zum Vorheizen nötig, sekundärer Energielieferant der eigentlichen Einäscherung ist das Holz des Sarges.
Nachhaltige Vorreiter unter den Krematorien
Viele Krematorien denken über alternative Energieträger und Techniken nach. Die Niederlande sind da ein Vorreiter: 2019 ist dort das erste klimaneutrale Krematorium weltweit eröffnet worden. In Deutschland ist das Elbe-Elster-Krematorium zu nennen, das seit 2021 als erste Anlage einen Elektrokremationsofen in Betrieb hat. Damit wird die sonst übliche gasbetriebene Einäscherung (also mit fossilen Brennstoffen) in diesem Fall durch eine eigene Photovoltaikanlage strombetrieben. Dabei bleibt sogar Strom übrig, der für die E-Autos der Anlage verwendet werden kann. Allerdings sind Elektroöfen bisher weniger leistungsfähig als Gasöfen, die Einäscherung dauert zum Beispiel länger. Die elektrische Kremation befindet sich noch in einer frühen Phase. Denkbar ist für die Zukunft auch der Ersatz von Gas mit grünem Wasserstoff.
Rechtliche Lage zur ökologischen Einäscherung
Deutschland verfügt im internationalen Vergleich über sehr hohe Umwelt- und Emissionsstandards im Kremationswesen, weshalb allein auf rechtlicher Basis bereits ein hohes Maß an Umwelt- und Gesundheitsschutz vorliegt. Weil es nur wenige Anlagen mit Elektroöfen im Regelbetrieb gibt, sind die Planungs- und Genehmigungsprozesse durch die Behörden noch individuell und aufwändig. Das würde sich ändern, wenn Elektroöfen sich als Standard etablieren.
Wirtschaftliche Aspekte der nachhaltigen Bestattung
Elektroöfen sind aktuell mit hohen Investitionskosten verbunden, weshalb in der Branche noch Zurückhaltung gegenüber dieser Option besteht. Allerdings steigt das Bewusstsein für ökologische Verantwortung und Auftraggeber und Angehörige fordern diese Alternativen auch zunehmend ein. Durch Maßnahmen wie strenge Umweltauflagen und die steigenden Energiepreise können elektrische Systeme langfristig attraktiver werden.