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Psychologische Auswirkungen des plötzlichen Todes auf den Prozess der Trauer

Plötzlich steht die Welt still

Ein Unfall, ein Herzinfarkt oder Schlaganfall können innerhalb von wenigen Augenblicken ein Leben beenden und das Leben der Zurückbleibenden radikal verändern. Bei einem plötzlichen Tod verlängert und intensiviert sich die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Der Verlust ist nicht zu begreifen, unfassbar im Wortsinn

Notbetrieb

Völlig unvorbereitet mit dem Tod eines nahen Menschen konfrontiert zu werden, übersteigt das Fassungsvermögen. Zum Schutz vor der drohenden Gefühlsüberflutung werden die gesamten physischen und psychischen Abläufe auf „Notbetrieb“ geschaltet.

Die plötzliche Unterversorgung kann zu Kreislaufproblemen, Schweißausbrüchen, Ohnmachten, Zittern führen. Immer wieder spiegeln starke Gefühlsausbrüche oder das völlige Fehlen derselben das Ausmaß der Fassungslosigkeit wieder.

Der „Schuldige“

In der Phase der aufbrechenden Gefühle und der Phase des Suchens und Sich-Trennens spielt die Suche nach einem „Schuldigen“ eine besondere Rolle: der Unfallverursacher, die Stadt, welche die Schulwege nicht mehr sichert, eine unentdeckte Krankheit. Das eigene Erschrecken braucht ein Ventil: die Projektion all dessen, was nun nicht mehr sein wird, auf einen „Schuldigen“.

Auch das Gefühl, etwas versäumt zu haben, ist hier verstärkt. Nicht noch einmal „Danke“ „Verzeihung“ oder „Ich liebe Dich“ gesagt zu haben, löst bei den Hinterbliebenen häufig starke Schuldgefühle aus, die nur schwer entkräftet werden können. Die letzten Worte des Verstorbenen, das letzte Gespräch mit ihm erhält zudem eine überhöhte Bedeutung, wird u.U. bis ins kleinste Detail ausgedeutet, um die verlorene Nähe wiederherzustellen.

Begleitung

Gerade beim plötzlichen Tod ist die Begleitung der Angehörigen unabdingbar. Schon die Überbringung der Todesnachricht sollte im Beisein eines Mitarbeiters des Kriseninterventionsdienstes oder der Notfallseelsorge erfolgen. Oft ist es hilfreich, einfach nur da zu sein und mit den Angehörigen das Schweigen und die Fassungslosigkeit auszuhalten.
Aufgrund der beschriebenen Reizüberflutung macht es wenig Sinn, den Tod erklären zu wollen oder die Angehörigen mit Informationen zu überschütten, die sie nicht erreichen.

Während des gesamten Trauerprozesses brauchen diese Angehörigen mehr Zeit.

  • Möglichkeiten, den Tod zu realisieren (z.B. durch begleitete, offene Aufbahrung)
  •  Längere Fristen bis zu Trauerfeier und Beisetzung (auch wenn viele Angehörige alles ganz schnell „hinter sich bringen wollen“), um die „richtigen“ Entscheidungen (z.B. hinsichtlich der Bestattungsform) zu treffen, mit denen sie in ihrer Trauer leben können.
  • Anregung zu kreativer Trauergestaltung in der Zeit bis zur Beisetzung (mehrfache Abschiednahmen, Sarg bemalen, Briefe an den Verstorbenen schreiben, Mitgestaltung der Anzeige, der Trauerfeier, etc.)
  • Möglichkeiten, über die Gestaltung des Grabes nachzudenken
  • Unterstützung und Hilfsangebote, um das Leben zu ordnen und neu zu gestalten


Der plötzliche Tod ist eine große Herausforderung für Hinterbliebene und Begleitende.  „Zeit geben“ und „Aushalten“ sind hier elementar wichtig. Dazu können Bestatterinnen und Bestatter mit ihrer Arbeit einen großen Beitrag leisten.

Lesen Sie den vollständigen Artikel von der Dozentin für Trauerpsychologie Martina Görke-Sauer in der bestattungskultur 03/17