Christine Süssmann
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„Friedhof Forum“ der Stadt Zürich verbindet Kultur und Service-Dienstleistung

Seit 2012 existiert das „Friedhof Forum“ der Stadt Zürich in der Schweiz, und es hat sich längst sowohl zum Ort des kulturell-künstlerischen Dialogs entwickelt, als auch seine Funktion der Anlaufstelle für Menschen übernommen, die nach konkreten Nutzungsmöglichkeiten der kommunalen Friedhöfe fragen. Christine Süssmann, Leiterin des Forums, das verwaltungstechnisch zum Bevölkerungsamt der Stadt Zürich zählt, schildert plausibel den großen konkreten Informationsbedarf der Menschen bei Todesfällen, die sich im 21. Jahrhundert schwerer tun als früher, die „letzten Fragen“ zuzulassen.

Wider die „leichnamsfreie“ Gesellschaft

Die Kulturwissenschaftlerin Süssmann hat das Forum mit ihren Mitarbeitern aufgebaut und ist überzeugt davon, dass gerade die Verbindung von Service- und Nutzungsanfragen für Bestattungen mit einem anspruchsvollen und engagierten Kulturprogramm auf und um den Friedhof der richtige Weg in die Zukunft ist. Im städtischen Veranstaltungskalender lassen sich seit der Gründung somit auch immer wieder Veranstaltungen unterschiedlichster Art finden. Hier reicht das Spektrum von Referaten über Erbschaft und Testament, Abenden mit der Fragestellung „Sterben - Wie geht das?“, Kunstausstellungen mit dem Titel „Der Leichnam“ bis hin zu Grusellesungen auf dem Friedhof. Bei den besagten schaurigen Lesungen kamen durchaus kritische Töne und die polemische Frage, ob so etwas auf dem Friedhof sein dürfe. Christine Süssmann kontert: „Wo soll man sich mit dem Tod und der Angst auseinandersetzen, wenn nicht auf dem Friedhof?!“ Sie argumentiert wohltuend klar gegen eine Gesellschaft, die sich liberal und diskursiv gibt, in Wahrheit jedoch nach einem Zitat von Corina Caduff eine „leichnamsfreie Gesellschaft“ geworden ist.

Kremation auf dem Vormarsch

Durch die vielfältigen Projekte eine ehrliche emotionale Ergriffenheit zu erreichen, ist somit ein notwendiges Ziel. Und wer es nicht so sehr mit exaltierten Kunstausstellungen hat, auch im Bereich nackter Zahlen spricht Christine Süssmann die Veränderung der schweizerischen Bestattungskultur mit Verweis auf Gemeinschaftsgrabanlagen der Züricher Friedhöfe anschaulich an: „Im Jahr 1986 betrug der Kremationsanteil in der Stadt Zürich 7,6%, heute sind es 90%“. Welche Umwälzungen in nur 30 Jahren! In einem Land, das in der deutschen Wahrnehmung doch eher mit Traditionsverbundenheit in Verbindung gebracht wird.