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Edmonton Federation Cemetery

Wolkenkratzer für Verstorbene

In Brasilien, Israel oder Asien gibt es sie schon heute, die vertikalen Friedhöfe. Da in diesen Ländern und ihren Großstädten schlicht Platzmangel herrscht, hat man Hochhäuser als Friedhofsbauten konzipiert. So ruhen die Verstorbenen in vielen Stockwerken übereinander, jede Etage bildet ein eigenes Gräberfeld.

Kein Modell für Deutschland

Wem nun Angst und bang wird, dass solche Ideen auch hierzulande Raum greifen, darf wahrscheinlich vorerst beruhigt sein. Denn in Deutschland herrscht meist kein Platzmangel auf Friedhöfen: Im Gegenteil haben Friedhöfe wohl eher mit Überhangflächen zu kämpfen als dass der Raum für Gräber knapp wird. Andererseits – und die Entwicklung zum Beispiel auf dem Gebiet der Kolumbarien zeigt das – gibt es durchaus die Wünsche nach ruhigen, sicheren und trockenen Beerdigungsorten.
Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratorium Deutsche Bestattungskultur, sieht die Aufgabe hierzulande aber eher darin, den Friedhof attraktiv zu halten oder wieder attraktiv zu machen: „Wir müssen uns Gedanken machen, wie die bestehenden Friedhöfe gestärkt und neue Konzepte erarbeitet werden können für eine große Vielfalt an Bestattungsmöglichkeiten. Wenn es bei den geplanten Friedhofshochhäusern nur darum geht, neue Märkte zu schaffen und wirtschaftliche Interessen zu verfolgen, finde ich das negativ. Betrachtet man den vertikalen Friedhof in Form einer utopischen Studie, die über das konventionelle Maß hinausdenkt, kann dies einen ästhetischen Denkanstoß bedeuten.“

Grün versus urban

Tatsächlich besitzt hierzulande der Naturgedanke einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern. Was den grünpolitischen Wert betrifft, so sind Friedhöfe den Friedhofshochhäusern sicherlich überlegen.

Israel

In einem heißen Land wie Israel, wo Friedhofsflächen tatsächlich knapp sind, sieht das schon anders aus. Aber auch hier hat es gegen 30 vertikale Bestattungsbauten auf dem Yarkon- Friedhof bei Tel Aviv auch kritische Stimmen gegeben, wie das Nachrichtenmagazin der Spiegel berichtete. Manche Bürger sehen die neuen „Totenstädte“ nicht besonders positiv. „Es ist schon gewöhnungsbedürftig“, sagt selbst der Architekt Tuvia Sagiv, „aber es ist einfach am sinnvollsten so; pro Stockwerk gibt es quasi einen Friedhof.“

Brasilien und Japan

Im brasilianischen Santos hat der Friedhofsturm 32 Stockwerke und bietet Platz für 180.000 Verstorbene. In Tokio können die Besucher des vertikalen Friedhofs mit speziellen Karten die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen über ein Fließbandsystem zu sich bringen lassen, um sie zu besuchen. Es gibt Pläne für Friedhofstürme in Mumbai, Mexiko-City oder Paris. Überall dort, wo die Lebenden zusammenrücken müssen, wird dies auch von den Toten erwartet.

Den ungekürzten Artikel finden Sie in der Printausgabe der bestattungskultur 10/15