„Von Beileidsbezeigungen am Grab bitten wir abzusehen" Ein Plädoyer dafür, diesen Satz zu überdenken

Sehr geehrte Angehörige, diesen Satz oder eine sinngemäße Formulierung lesen wir leider häufig bei Traueranzeigen. Ich möchte gerne Argumente vortragen und versuchen, Sie davon zu überzeugen, diesen Satz besser wegzulassen. Erlauben Sie mir ein paar persönliche Anmerkungen dazu. Das Bezeigen oder Bezeugen von Beileid ist eine zutiefst menschliche Geste, die nicht unbeachtet bleiben sollte. Formen der Anteilnahme und des Mitfühlens zeichnen uns besonders in dieser leistungsorientierten, häufig emotionslosen Gesellschaft aus.

Anteilnahme und Ruhebedürfnis: Ein Widerspruch?

Sie laden mit dem Trauerbrief, der Trauerkarte oder einer Zeitungsanzeige Menschen ein, an Ihrer Trauer und dem Abschied des lieben Verstorbenen teilzunehmen, drücken aber gleichzeitig mit diesem Satz aus, doch lieber in Ruhe gelassen zu werden. Ein Widerspruch? Ich bin der Auffassung, dass sich Beileid schon dadurch zeigt, dass die eingeladenen Trauergäste bei der Feier anwesend sind. Durch ihr Kommen und einfaches Da-Sein drücken Sie Beileid aus.

Beitrag zur eigenen Trauerarbeit

 Die Trauerfeier und die Beisetzung ist eine von vielen Feier-Riten, die unser Leben positiv begleiten und auch einen enormen Beitrag zur eigenen Trauerarbeit leisten. Sie haben diesen Satz schriftlich manifestiert Gilt er für alle Familienangehörige? Fände der ein oder andere es nicht doch tröstlich, Beileid am Grab zu erfahren, durch einen Händedruck eine Umarmung oder ein anderes Zeichen? Jetzt steht dieser Satz da. Wie begegnet man einander nach der Beisetzung? Man trifft sich auf der Straße, beim Einkauf usw. Wie geht man dann miteinander um?

Eine Beerdigung ist öffentlich

Viele trauernde Angehörige haben eine gewisse Angst vor dem Abschiedstag. Es kommen viele Leute, es musste einiges organisiert werden, man steht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Ich muss funktionieren. Da zeigt sich, dass eine Beerdigung nicht nur privaten Charakter hat. Die Beerdigung findet in der Öffentlichkeit, auf einem öffentlichen Friedhof statt. Und jetzt soll man auch noch am Ende mit gefasster Miene Spalier stehen ... Wenn Sie tatsächlich nicht am Ende des Beisetzungsritus am Grab stehen bleiben möchten, dann geben Sie der Trauergesellschaft ein Zeichen, in dem sie langsam vom Grab weggehen. Für dieses Zeichen wird jeder Verständnis aufbringen und Sie haben sich nicht vorweg mit diesem Satz: „Von Beileidsbezeigungen am Grab bitten wir abzusehen.“ festgelegt. Sie haben dann immer noch die Möglichkeit, es situativ anders zu entscheiden.

Mut zur Lücke

Ich möchte Sie mit diesen Zeilen ermutigen, diesen Satz in Einladungsschreiben zu Trauerfeiern lieber wegzulassen. Meines Erachtens bringt er eher Probleme, als dass er nützt. Wenn Sie doch auf diesen Zusatz bestehen, haben wir zumindest gemeinsam mal darüber nachgedacht

Ihr Johannes Ahlbach Diplom Pädagoge / Fachgeprüfter Bestatter