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Die letzte Visitenkarte

Wolfgang A. Klemt hat über 5000 Totenzettel gesammelt

In manchen Gegenden nennt man sie Totenzettel, in anderen Sterbebildchen. In katholischen Regionen wie zum Beispiel in Bayern sind sie auch heute noch verbreitet, anderswo gänzlich unbekannt. Auf jeden Fall kann man an den kleinen Drucksachen zum Tod eines Menschen den Wandel der Zeiten und der Bestattungskultur ablesen. Der ehemalige Bleisatz-Schriftsetzer aus Hattingen, Wolfgang A. Klemt, hat 5000 solcher Totenzettel

Lebenslauf zur Trauerfeier

Was heute eher wie ein Arbeitszeugnis klingt war bei um 1800 Geborenen ein üblicher Text auf Totenzetteln: Zu dieser Zeit waren der Lebenslauf und die Umstände des Todes fester Bestandteil der Drucksachen, die beim Trauergottesdienst verteilt oder mit den Danksagungen verschickt wurden. Bilder des Verstorbenen gab es zu dieser Zeit noch nicht. „Bei den um 1900 Geborenen findet man dann auch Foto- Porträts“, erklärt Wolfgang Klemt, der seine umfangreiche Sammlung zur Archivierung in mehrere Kategorien eingeteilt hat.

Schicksal der Soldaten

Mit aufgepflanztem Bajonett ist beispielsweise Josef Wörle abgebildet, „Bauernsohn und Soldat beim 1. k. bayer. Inf.-Regt., welcher am 7. Juni 1917 im Alter von 19 ½ Jahren durch Granatsplitter den Heldentod fürs Vaterland gestorben ist“. Der passende Bibelspruch (Macc. 5.39.) ist auf der Vorderseite des kleinen Faltblatts abgedruckt: „Besser ist es im Kriege zu sterben als das Vaterland dem Untergang preiszugeben“. Dass dies seine Familie getröstet haben soll, kann man sich heute nicht mehr gut vorstellen.

Typographische Knospen

Das Interesse für ästhetisch gestaltete Drucksachen begleitet Wolfgang Klemt schon lange. Aus diesem Grunde interessieren ihn auch Todesanzeigen. Zum Sammler von Totenzetteln wurde er dann auf einer Urlaubsreise vor 15 Jahren. Seitdem sammelt Klemt die Totenzettel. 2014 waren seine interessantesten Exponate in einer Ausstellung in seiner Heimatstadt zu sehen.

Im Wandel der Zeit

Heutzutage findet man nur noch selten einen Lebenslauf auf Totenzetteln, sondern meist nur noch Lebens und Sterbedaten, dafür sind Bilder immer wichtiger geworden. Neben den Porträts des Verstorbenen werden sehr oft auch Naturbilder, die Ruhe und Nachdenklichkeit ausdrücken, verwendet.
So kann man beobachten, dass auch dieser Aspekt der Bestattungskultur dem Zeitgeschmack unterliegt: vom papierenen Epitaph zur letzten Visitenkarte.

Lesen Sie das vollständige, unveränderte Interview Artikel in der Printausgabe der bestattungskultur 11.2015