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Vom Sargverkäufer zum Dienstleister

Im Gespräch mit Rüdiger Kußerow, Obermeister der Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg e.V.  

bestattungskultur: Herr Kußerow, wenn Angehörige bei Ihnen ein Sarg auswählen, worauf legen sie heute Wert?

Kußerow: Auf Schlichtheit. Einen verzierten Sarg aus Eiche will kaum einer haben. Es hängt nicht unbedingt vom Einkommen der Menschen ab. Der Geschmack hat sich verändert. Oft komme ich in Wohnungen der Verstorbenen, dort stehen massive Möbel im alten Stil. Die Verstorbenen hätten sich vielleicht auch einen entsprechenden Sarg gewünscht, aber die junge Generation steht auf schlichtes Design aus Dänemark, auf Ikea Viele wollen heute eine Feuerbestattung, dann ist die Beschaffenheit des Sarges irrelevant. Die Menschen legen heute Wert  auf individuelle Momente, eine Trauerfeier, die die Persönlichkeit des Verstorben widerspiegelt.

bestattungskultur: Sie sind gebürtiger Berliner, Ihr Vater und Großvater waren schon Bestatter in Berlin. Was ist das Besondere an Berlin?

Kußerow: In Berlin haben wir deutlich mehr Feuer- als Erdbestattungen, 60  bis 70%. Hängt vielleicht mit der DDR-Vergangenheit zusammen. In der DDR lagen die Feuerbestattungen bei  90%. Nach der Wende hat sich das etwas vereinheitlicht. Die Christen aus Ostberlin wollten wieder im Sarg bestattet werden. Wir in der Bestattungsbranche merken die Mauer übrigens immer noch. Die „Wessis“ lassen sich meist nur von Bestattern aus Westberlin, die „Ossis“ von Bestattern aus Ostberlin bestatten. Mein Großvater hatte bis 1953 sein Geschäft im Osten der Stadt. Als die bürokratischen Reglementierungen auf der Sowjetseite unerträglich wurden, zog er  1000 Meter weiter, über die Oberbaumbücke, in den Westen der Stadt. Die meisten seiner vorherigen Kunden blieben im Osten. Als knapp 40 Jahre später die Mauer fiel, kam keiner der alten Kunden rüber. Die Mauer steckt in Köpfen der Menschen.

bestattungskultur: Wo geht der Trend Ihrer Meinung nach hin?

Kußerow: Wir werden immer noch Särge verkaufen. Allein schon aus hygienischen Gründen werden sie nicht verschwinden. Aber eine große Rolle werden sie nicht mehr spielen. Bei meinem Großvater und Vater war es noch so: Sie haben Särge verkauft und alle Kosten drumherum wurden in den Sargpreis einkalkuliert. Heute ist es anderes. Es geht um Dienstleistungen. Wir als Bestatter sind zum Dienstleister geworden. Es geht um Betreuung der Angehörigen, Organisation einer schönen Trauerfeier, individuelle Traueranzeigen, ein besonderes Kondolenzbuch. Zum Beispiel haben wir letztens die Bestattung für einen ranghohen Diplomanten organisiert. Der Sarg stand nicht im Vordergrund. Die Angehörigen wollten ein schlichtes Model. Dafür sollte auf der Trauerfeier klassische Musik live gespielt werden. Es gab ein richtiges Konzert auf der Beerdigung.

Lesen Sie das ungekürzte Interview in der Printausgabe der bestattungskultur 10/15