Foto: Friedhof Hamburg Ohlsdorf/© Eva Schmidt

 

 

Friedhof in der Mitte unserer Gesellschaft

Wer heute den Friedhof in der Mitte unserer Gesellschaft sieht, wird auf den ersten Blick schnell widerlegt werden können. Denn allgemein wird beklagt, dass der Friedhof an Bedeutung verliert, die Belegungszahlen sinken und der Friedhof als Ort der Trauer sein Alleinstellungsmerkmal längst verloren hat. Ist der Tod des Friedhofs also programmiert, zeichnet sich ab, dass alternative Beisetzungsformen den Traditionsort Friedhof ablösen?

Alternative Bestattungsformen

 Eine signifikante Entwicklung ist die kontinuierliche Aushöhlung des Friedhofsmonopols durch alternative Bestattungsformen. Allgemein bekannt sind die Naturbestattungen, zu denen die Seebestattung und die Waldbestattung zählen. Seit 2006 wurden mit der Umgestaltung von Pfarr-und Gemeindekirchen zu sogenannten Urnen- oder Grabeskirchen erneut Bestattungsorte außerhalb des traditionellen Friedhofs geschaffen.  Ein Ende der Entwicklung ist noch nicht in Sicht, insbesondere wenn man die zum Teil kurios anmutenden Beisetzungsformen in angrenzenden Nachbarländern einbezieht

Uniformität und Regelungsdichte

Man muss die Frage stellen, woher diese Abwendung vom traditionellen Friedhof kommt. Dafür gibt es zahlreiche, vielschichtige Gründe, von denen ich einige hier nennen will. In der Rückschau ist festzustellen, dass Friedhofsverwaltungen selbst einen Teil dazu beigetragen haben, den Ort der letzten Ruhe wenig attraktiv zu machen. Die Uniformität der Grabgestaltung auf Friedhöfen, die hohe Regelungsdichte der Friedhofssatzungen mit der einhergehenden Gängelung der Nutzer, kurzsichtige Friedhofsplanungen mit der Ausweisung von Friedhofserweiterungen bei gleichzeitig rapide ansteigenden Leerflächen, Überhangflächen im Kernbestand eines historischen Friedhofes wegen zu enger Gestaltungsvorschriften im Altbestand, der wenig kundenfreundliche und obrigkeitsstaatlich geprägte Umgang mit Angehörigen sowie die Verkennung oder Nichtwahrnehmung von Veränderungen haben das Dilemma mitverursacht.  Hinzu kommt, dass die Gebührenentwicklung auf Friedhöfen in den letzten 15 Jahren außerordentlich war und mit der Steigerung der Lebenshaltungskosten nicht zu erklären ist. Damit hat sich der Friedhof von anderen Beisetzungsmöglichkeiten auch ökonomisch entfernt.

Kremation häufigste Bestattungsart

Greifbar ist die Veränderung in der Wahl der Bestattungsart. Die rasante Verlagerung hin zur Feuerbestattung hat Folgen: Die Belegung auf den Friedhöfen sinkt durch die kleineren Grabeinheiten und führt zum Teil zu Leerflächen auf Friedhöfen, die unter anderen Voraussetzungen konzipiert waren. Darüber hinaus begünstigt die Beisetzung von Urnen die Schaffung alternativer Beisetzungsorte.  
Als weitere Erklärung wird häufig die Individualisierung unserer Lebensweise und unserer Lebensformen genannt. Danach wollen die Menschen auch beim Begräbnis eine eigene, nach ihren Vorstellungen definierte Form der Bestattung. Dies kennzeichnet einen grundlegenden kulturellen Wandel, nämlich eine Absetzbewegung von der durch das Christentum geprägten sozialen Totenfürsorge hin zu einer familiar orientierten Totenfürsorge.

Lokale Nachfrage

Im Friedhofs- und Bestattungswesen sind überwiegend kleine privatwirtschaftliche Unternehmen mit einem lokalen Geschäftsbereich aktiv.   Bestatter, Steinmetze, Floristen und Friedhofsgärtner benötigen den Friedhof als Ort ihrer Leistungserbringung. Sie beklagen deshalb in besonderer Weise Veränderung und Verfall der Bestattungs- und Friedhofskultur. Dieses Argument will die Öffentlichkeit aber nicht verstehen, sondern sieht in den Klagen lediglich den Versuch Verkaufspolitik zu treiben. Insoweit geht mit dem Beklagen des Verfalls auch ein Glaubwürdigkeitsproblem in der Öffentlichkeit einher, das Klagen wird kontraproduktiv.

Friedhof wieder attraktiv machen

Es gibt zahlreiche Beispiele, wie Friedhöfe wieder Akzeptanz gewonnen haben, ein Kulturmittelpunkt geworden sind und Angebote vorhalten, die nicht nur von Trauernden in Anspruch genommen werden. Diese Beispiele zeigen, dass der Friedhof keineswegs verloren ist, sondern bei verständiger, kulturell nachvollziehbarer Einordnung gesellschaftliche Akzeptanz findet. Eines ist auch klar zu stellen: Der Friedhof ist kein Vergnügungspark. Er ist von seinem Zweck her im Grunde kein Ort, der guttut oder heilt. Er ist ein Ort, an dem wir den Verlust beklagen, an Verstorbene erinnern und der Toten gedenken. Damit der Friedhof für die Mitte der Gesellschaft wieder attraktiv wird, sollte der veränderten Mobilität, der Heterogenität des Individuums und der Hinwendung zur familiären Totenfürsorge Rechnung getragen werden.

Lesen Sie die konkreten Vorschläge des Generalsekretärs des BDB Dr. Rolf Lichtner im nächsten Artikel auf bestatter.de. 

Den ungekürzten Artikel finden Sie in der Printausgabe der bestattungskultur 7-8/15