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Archiv 2006

+ Einzigartige Kulturgeschichte "Todesmutig"   20.09.2006   PDF

 

Einzigartige Kulturgeschichte "Todesmutig"
20.09.2006 - PDF-Version

Wie kommt ein Mensch unter die Erde? Diese scheinbar banale Frage ist eine der wichtigsten kulturgeschichtlichen Herausforderungen. Nachdem Traditionen und Konventionen der Bestattungskultur in den vergangenen Jahren in Frage gestellt worden sind, findet heute eine Neuorientierung statt. In solchen Phasen der Neuorientierung lohnt ein Blick zurück. Wie hat alles angefangen? Was hat sich über die Jahrhunderte verändert? Und wo stehen wir heute? Dieser Aufgabe widmet sich die im Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes GmbH erschienene Kulturgeschichte „Todesmutig. Das siebte Werk der Barmherzigkeit“.

Der Titel ist Programm. Als „todesmutig“ gelten alle Berufe, die sich in Vergangenheit und Gegenwart um den Verstorbenen gekümmert haben, die Spezialisten des Todes, die den Tod nicht verdrängen, sondern sich dem siebten Werk der Barmherzigkeit widmen – der Bestattung.

Starb ein Mensch, kümmerten sich früher Angehörige und Nachbarn um die Bestattung. Doch mit der Zeit fand eine Professionalisierung statt, bei der der Verstorbene zunehmend diesen Spezialisten des Todes überlassen wurde. Die Kulturgeschichte zeigt, dass das Delegieren dieses Werkes der Barmherzigkeit eigenartigerweise zu einer ambivalenten Einschätzung der Berufe beigetragen hat, die mit dem Tod zu tun hatten. So gehörten Totengräber beispielsweise zu den so genannt unehrlichen Berufen, die sozial nicht geachtet, sondern im Gegenteil geächtet wurden.

Die von der Kunsthistorikerin Dr. Jeanne E. Rehnig geschriebene Kulturgeschichte der Berufe der Bestattungsbranche ist einzigartig, insofern die Thematik erstmals nicht nur umfangreich und fachkompetent erschlossen wird, sondern darüber hinaus ausgesprochen kurzweilig zu lesen ist. Das Buch beeindruckt durch stilistische Leichtfüßigkeit und verblüffende Perspektiven ebenso wie durch die Vielzahl opulenter Bilder. Dabei wird deutlich, dass die vermeintlich tabuisierten Berufe der Totenfürsorge in allen Jahrhunderten bildwürdig waren und damit einen faszinierenden Niederschlag in der Kunstgeschichte gefunden haben.

Wer weiß heutzutage noch, wie viele Menschen im Lauf der Geschichte beruflich mit einer Bestattung und Trauerfeier zu tun hatten? Berufe wie Juweliere, die den Trauerschmuck herstellten, oder Schneider, die das letzte Hemd anfertigten, verbindet man gemeinhin nicht mit der Bestattungsbranche. Eher assoziiert man die Kirchengemeinde, geistliche Bruderschaften oder auch weltliche Begräbnisvereine, Totengräber, Sargträger, Leichenbitter, Fuhrleute oder auch Leichenfrauen. Im 19. Jahrhundert professionalisierte sich die Bestattungsbranche. Der Bestatter von heute mit Laptop und thanatopraktischem Spezialwissen hat mit den genannten Berufsgruppen alles und nichts gemein. Als moderner Dienstleistungsberuf kümmert er sich um alles, was im Todesfall zu erledigen ist.


Die Kulturgeschichte kann in der gleichnamigen Ausstellung (www.todesmutig.net) bis zum 11.02.2007 oder über den Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes bestellt werden (www.bestatter.de; Tel. 0211 / 160 08 15).

Dr. Kerstin Gernig

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