 |
Wenn ein Kind stirbt, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Diese
tragische Unterbrechung der Generationenkette, das Auslöschen der Zukunftsperspektiven,
nannten die Römer „Mors immatura“, den unreifen Tod. Das Buch „Requiem
für ein Kind“ schildert die Trauer berühmter Persönlichkeiten
nach dem Tod eines Kindes.
Künstler wie Käthe Kollwitz, Musiker wie Haydn, Dvorák oder
Mahler, Schriftsteller wie Eichendorff und Lasker-Schüler oder auch Psychologen
wie Sigmund Freud haben Schmerz und Trauer auf jeweils eigene Art verarbeitet.
Anhand von persönlichen Zeugnissen wie Tagebüchern, Briefen, Gedichten,
Romanen, Bildern oder auch musikalischen Kompositionen, die nach einem solchen
Verlust entstanden sind, werden über fünfzig Einzelschicksale vorgestellt.
Jeder trauert auf seine Weise
Albrecht Dürer erlebte, wie fünfzehn seiner achtzehn Geschwister
in jungen Jahren starben. Bach verlor elf von seinen zwanzig Kindern. Ständig
geliebte Menschen zu verlieren, ist nicht nur ein schwerer Preis, den man für
ein langes Leben zu bezahlen hat, wie Rabindranath Tagore schrieb, sondern
ist auch eng mit dem Stand der medizinischen Entwicklung verbunden. Noch bis
ins 19. Jahrhundert gehörte der Kindertod viel stärker zum Alltag
als heutzutage. Doch gerade weil bedeutende Fortschritte in Hygiene und Medizin
die Kindersterblichkeit weitgehend zurückgedrängt haben, wird der
Tod von Kindern um so schmerzlicher erlebt. Denn mit den medizinischen Fortschritten
haben zugleich auch die Geburtenraten abgenommen. Wer in einer modernen Familie
nur noch ein Kind hat, für den kann der Verlust dieses einzigen Kindes
zur Lebenskrise führen.
Der Autor Joseph Groben schildert die unterschiedlichen Reaktionen auf den
Tod eines Kindes: Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfe, Entfremdung der
Eltern und das Zerbrechen der Ehe, Schaffenskrise oder auch Arbeitswut.
Unser armer kleiner Liebling
Marcus Tullius Cicero, der seine Tochter Tullia im Jahre 45 v.Chr. verlor,
wollte ihr einen Tempel errichten. Nachdem er erst sämtliche Werke zum
Thema des Trauerschmerzes in der Bibliothek eines Freundes gelesen hatte, schrieb
er selbst mehrere Bücher, die von Tod, Schmerz und seelischem Leiden handeln.
Friedrich Rückert verfasste 446 Kindertotenlieder, nachdem zwei seiner
Kinder an Scharlach gestorben waren. Da er sich jedoch nicht sicher war, ob
seine private Trauer in die literarische Öffentlichkeit gehörte,
zögerte er zunächst, die Gedichte drucken zu lassen. Gustav Mahler
vertonte fünf der Kindertotenlieder, die im Jahr 1904 mit großem
Erfolg aufgeführt wurden – nur zwei Jahre bevor ihn als Vater ein ähnliches
Schicksal ereilte.
„Man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden ... Und
eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen“,
schrieb Sigmund Freud, der die „Ungeheuerlichkeit, dass Kinder vor den
Eltern sterben“ nicht verwinden konnte, im Jahr 1929. Freud war untröstlich über
den Verlust seiner Tochter. Alles, was man Trauernden sagen kann, erschien
ihm wie leerer Schall. Die Reaktionen der verwaisten Eltern reichen von heftiger
Revolte, über lebensgefährdende Erschütterungen bis zu demütiger
Unterwerfung unter das eigene Schicksal.
Trauer gehört zu den Grenzerfahrungen, die vielleicht nur derjenige wirklich
verstehen kann, der sie selbst durchlebt hat.
Das Buch gibt Einblick in das private Leben berühmter Persönlichkeiten
und ihren Umgang mit der Trauer. Es ist ein trauriges, ein berührendes
Buch.
|